Als frischgebackener Vater unterhielt ich mich schon öfter mit Freunden und Verwandten darüber, wie sich wohl die neuen Medien, bzw. der Zugang zu diesen, auf meinen fast 2-jährigen Sohn auswirken würden. Denn vergleicht man meine und seine Kindheit, sind dies völlig andere Welten.

Als Kind der 80er waren mir damals Medieninhalte nur sehr schwer zugänglich – im Fernsehen lief kaum etwas, das Internet gab es noch nicht (zumindest nicht für Home-User) und in Videotheken durfte man erst ab 16 Jahren Filme ausleihen.

Heute kann theoretisch jeder 6-jährige über sein Smartphone oder auch Smart-TVs Zugang zu Inhalten bekommen, die zum Teil erst für Erwachsene freigegeben sind. Zwar ist es möglich Alterssperren zu installieren, doch gehe ich davon aus, dass speziell die junge Generation weiß, wie man diese zu umgehen vermag.

Im Prinzip bin ich eher gespannt als verunsichert, denn ich glaube mit der richtigen Erziehung dürfte mein Kleiner die Inhalte auch richtig verstehen. Das gilt übrigens nicht nur für Medien, sondern auch für Zigaretten, Alkohol oder schnelle Autos, deren Genuss ich bei weitem gefährlicher einschätze. Verbieten kann ich es ihm nicht, er würde Wege finden, an diese heranzukommen. Von daher ziehe ich Gespräche mit ihm vor.

Studie untersucht Medienwirkung auf Jugendliche

Eigentlicher Aufhänger dieses Beitrags ist allerdings eine Studie an der Oxford University, die im Februar 2019 veröffentlicht wurde und die Wirkung von Computerspielen und Filmen auf junge Menschen untersuchte. Dies verfolgte ich recht gespannt, da ich mich sofort an die Mitte der 90er bis Anfang der 2000er Jahre erinnerte, als eine regelrechte Hetze auf Filme und Computerspiele in Deutschland stattfand, weil man den „Neuen Medien“ extrem skeptisch gegenüber stand. Es war von „Gewaltvideos“ und „Killerspielen“ die Rede und speziell Computerspieler, die Ego-Shooter zockten, wurden fast mehr kriminalisiert als normale Verbrecher.

Wer oder was fördert Gewalttaten?

„Counterstrike“, „Doom“ und „Grand Theft Auto“ waren nur einige der Beispiele, wegen derer man schon schief angeguckt wurde, wenn man zugab, diese zu konsumieren. Schlimmer allerdings fand ich, dass Filme und Computerspiele dafür verantwortlich gemacht wurden, dass Verbrechen und Gewalttaten begangen wurden. Man erinnere sich nur an den Amoklauf an der Columbine High School im Jahre 1999 oder andere Vorfälle, an denen plötzlich Filme oder Computerspiele schuld sein sollten. Dies stellte sich allerdings, meist erst Jahre später, als Fehlinformation heraus und heute weiß man, dass das soziale Umfeld und schwere psychische Störungen der Täter zu solchen Taten führten. 

Leider dauerte es viel zu lange, bis dieses von unserer Gesellschaft und der Politik begriffen wurde und die aktuelle Studie belegt auch erneut die These: Computerspiele und Filme stehen nicht im Zusammenhang mit Gewalttaten.

Zur Studie selbst: Die Daten stammen aus einer national repräsentativen Stichprobe von britischen 14- und 15-Jährigen und der gleichen Anzahl ihrer Betreuer (insgesamt 2.008 Personen). Jugendliche beantworteten Fragen zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Spielverhalten im vergangenen Monat, während Betreuer Fragen zum jüngsten aggressiven Verhalten ihres Kindes mit dem weit verbreiteten Fragebogen zu Stärken und Schwierigkeiten beantworteten. Die gewalttätigen Inhalte in den gespielten Spielen wurden auf der Grundlage ihrer Bewertung im offiziellen Pan European Game Information (PEGI; EU) und Entertainment Software Rating Board (ESRB; US) Bewertungssystem sowie der subjektiven Bewertung der Spieler kodiert.

Ergebnis: Keine Aggression durch Computerspiele

Das Ergebnis dieses gründlichen Ansatzes zeigte, dass es keinen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und Aggressionen von Jugendlichen gab, was der leitende Forscher Professor Andrew Przybylski weiter erläuterte: „Die Idee, dass gewalttätige Videospiele die Aggression in der realen Welt antreiben, ist sehr beliebt, aber sie wurde im Laufe der Zeit nicht sehr gut getestet. Trotz des Interesses von Eltern und Politikern an dem Thema hat die Forschung nicht gezeigt, dass es Anlass zur Sorge gibt.“

Wie Przybylski betont, ist dies nicht die erste Studie, die diese Art von Ergebnissen zeigt, und es kommt jetzt auf den Punkt, dass die Schuldzuweisung an Videospielen für Ausbrüche jugendlicher Aggressionen kein Gewicht hat.  Ganz zu schweigen von all den Gegenstudien, die tatsächlich zeigen, dass das Spielen von Videospielen klare kognitive Vorteile hat, so dass es wirklich an der Zeit ist, dass Videospiele nicht mehr als Ursache für alle Leiden der Gesellschaft dämonisiert und als das akzeptiert werden, was sie sind.

Lieber das Gespräch suchen

Angesichts dieses Fazits und meiner eigenen Meinung, die sich mit denen der Forscher deckt, sehe ich daher die Zukunft meines Sohnes mit den neuen Medien gelassen entgegen und werde mit ihm nach und nach das Gespräch suchen, sofern er sich für Inhalte interessiert, die nicht für sein Alter geeignet sind.

Die komplette Oxford-Studie ist hier abrufbar:

https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsos.171474