Wir schreiben die 2000er, das Internet kommt in die Privathaushalte und junge Menschen entdecken das Internet für sich. Eine der praktischsten Errungenschaften war für mich der Gruppenchat. Meine Mitschülerinnen und ich verabredeten uns in der Schule für eine bestimmte Uhrzeit und trafen uns online, um noch am Computer unserer Eltern für wenige Stunden zu chatten. Wenig später etablierte sich ICQ als weit verbreiteter Messenger, der Nachrichten, auch wenn man nicht online war, nachträglich anzeigte, sobald die betreffende Person online ging. So gut wie jeder aus unserer Klasse war ab jetzt mit einem eigenen Computer online vertreten. Da hieß es noch vor der Frage nach der Handynummer, die aufgrund von teuren SMS nur selten genutzt wurde: Wie ist deine ICQ-Nummer?

Down and Off bei ICQ

So saßen wir in jeder freien Minute Zuhause vor dem leuchtenden Bildschirm und tauschten uns aus. Natürlich bildeten sich schnell Insider und eine eigene Sprache: War man im realen Leben unterwegs blieb der Computer aus und man war “off”: Offline. Musste man kurz mit seinen Eltern am Küchentisch essen oder kurz aus dem Raum war man “AFK”: Away from Keyboard. Somit mussten die anderen Nutzer sich gedulden, bis ihre Chatpartner wieder im Zimmer waren und antworteten. Was damals zum puren Vergnügen genutzt wurde, hat heute größere Dimensionen angenommen.

AFK ausgeschlossen

Durch Smartphones und sogenannte Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp oder Telegram hat sich auch das Chatverhalten geändert. Der Nutzer ist ständig verfügbar, da der Taschencomputer immer dabei ist. Schnell herausgeholt kann 24 Stunden pro Tag gechattet werden, das Keyboard ist zum dauerhaften Begleiter geworden. Selbst kleine blaue Haken zeigen dem Sender einer Nachricht an, ob diese schon gelesen wurde. Da dies für alle gilt, ist auch die Erwartungshaltung an eine schnelle Antwort gestiegen. Unsere Kommunikation und unser Leben dreht sich immer schneller. „AFK“ ausgeschlossen.

Doch nicht nur das: Gechattet wird nicht nur mit Freunden, sondern mit Kollegen, Mitschülern oder Kommilitonen, wenn nicht gerade die Online-Bewerbung über Whatsapp losgeschickt wird. Bestelldienste sowie Freiberufler nutzen Messenger, um Aufträge anzunehmen und sich über den Stand von Projekten auszutauschen. Ist der Kontakt zuverlässig und antwortet schnell? Wie kompetent ist die Antwort? Dies sind Fragen, die sich über einen spontanen Chat beantworten lassen. Messenger sind aus dem Privaten getreten und zu einem Teil der Arbeitswelt geworden.

Wie sie sich sinnvoll, nachhaltig und sozial verträglich in die anderen Kommunikationskanäle und -abläufe integrieren lassen, beschäftigt viele Firmen nachwievor. Wie haltet ihr es?