Wer saß nicht schon mal in einem Restaurant oder am eigenen Esstisch und hat sich gefreut, wie schön das Essen dort aussieht, duftet und dampft? Ich liebe es – vor allem wenn es heiß serviert wird. Kaltgewordenes Essen verabscheue ich, außer bei Sushi, Salaten oder Bowls. Ich meide auch die Microwelle, die manche vielleicht noch von italienischen Raststätten kennen. Dort mag ihr Einsatz ja auch durchaus sinnvoll sein, wenn man lange an der Kasse steht und die Pasta langsam erkaltet.

Es gibt aber offensichtlich auch Andersdenkende. Ich sehe mit Amüsement viele Menschen, nicht nur junge, die vor ihrem Teller sitzen und die Speise – Neudeutsch ihr Food – ausgiebig aus allen Lagen fotografieren. Was treibt sie dazu Fotos von leckeren Speisen zu machen, bis sie erkaltet sind? Was steckt dahinter? Will man andere Menschen neidisch machen, weil man es guthat und sie sich vielleicht grade mal trockenes Knäckebrot leisten können? Es erschließt sich mir nicht.

Und was machen sie eigentlich damit? Werden alle Bilder gepostet oder verschwinden sie in Archiven? Verstopfen sie millionenfach die Cloudserver dieser Erde? Sieht man sich die Fotos an und sagt: „Schau, so schön sah der Antipasto-Teller auf Sizilien aus und vergleiche das mal mit dem hier oder dem anderen? Ich glaube kaum. Ich denke, es dient der eigenen Eitelkeit.

Food-Fotogalerien

Während unserer letzten Reise nach Südafrika hatte ich Gelegenheit, einen sehr aufgeschlossenen jungen Chinesen zu treffen. Wir waren gemeinsam auf einer Weintour unterwegs. In den Pausen zwischen zwei Weinproben unterhielten wir uns auch – was liegt näher – über das Kochen. Er ist schon viel gereist, u.a. auch in Europa und war vor allem fasziniert von den Kräutern, die in der mediterranen Küche verwendet werden. Er probierte viel aus und schien Talent zu haben. Natürlich trat er den Beweis seiner Bemühungen an und zeigte uns Megabytes an Fotos, die zugegebenermaßen gut aussahen, aber genauso gut aus Fotogalerien stammen konnten oder aus Kochbüchern. Wie auch immer. Es war ein schöner Tag und er war ein netter Kerl.

Einfach mal was essen?

Das bringt mich aber auf ein anderes Thema. Wenn auf der einen Seite das Fotografieren von Speisen einen so großen Stellenwert hat, warum ist dann das „einfach mal was Essen“ so unpopulär? Wir essen nicht, wir ernähren uns. Und das möglichst mit Weltanschauung. Ob Superfood, Clean Meat, vegetarisch, vegan, pescetarisch, radikal regional oder High-Tech aus dem 3-D Drucker (Ja, das gibt es wirklich), alles muss einen Sinn ergeben und trendy sein. Warum eigentlich – kann man nicht einfach genießen? Das hat Kolumnistin Ildikó von Kürthy mit feiner Ironie in der Zeitschrift Brigitte auf den Punkt gebracht. Wirklich lesenswert:

https://www.brigitte.de/gesund/ernaehrung/ildikó-von-kuerthy–ich-will-mich-nicht-ernaehren–ich-will-was-essen—11555868.html

Und genau das denke ich auch. Natürlich müsste ich auch ein paar Kilo verlieren. Natürlich ist es schwer und meine Selbstdisziplin nicht so ausgeprägt wie bei vielen, die ich im Kollegen- und Freundeskreis kenne. Aber um Dr. Daniel Kofahl aus besagter Kolumne zu zitieren: „Die Stigmatisierung von Übergewicht macht kränker, als das Übergewicht selbst.“  Schön und gut, aber die Hemden bleiben seit Weihnachten hartnäckig eng und einen Stoppball beim Tennis erreiche ich nur mit anschließendem Aufenthalt unter einem Sauerstoffzelt. Die Walkingrunden im Park dauern ein paar Minuten länger als letztes Jahr – sagt meine Runtastic App und die hat immer Recht.

Trotzdem: Mein Urlaub auf Gran Canaria steht kurz bevor und ich werde ihn genießen – mit viel Sport und genauso viel Genuss. Versprochen, denn Dr. Kofahl sagt auch: „Auf lange Sicht sind wir alle tot. Wir sollten uns die Fähigkeit zum Genießen zurückerobern.“

Da kann ich nur sagen: Recht so. Er muss es schließlich wissen, denn er ist Ernährungssoziologe und leitet das Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK.

Und ihr entschuldigt mich bitte die nächste Woche. Ich bin dann nämlich mal weg – auf einem Eroberungsfeldzug – Vámonos.