Meine Kollegin, Sarah Kamrau, schrieb in ihrem letzten Blogbeitrag über das Thema Micro-Influencer und Glaubwürdigkeit.

Den Gedanken möchte ich hier aufgreifen und weiterführen.

Im August 2018 titelte das Handelsblatt:„Von wegen Fake News – die Glaubwürdigkeit klassischer Medien ist unangefochten. Der Vertrauensverlust der Medien ist eine Erfindung der Populisten. Die Glaubwürdigkeit deutscher Medien nimmt sogar zu – vor allem die der Tageszeitungen.“

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Jedes Medium hat seine Berechtigung und seine ganz eigene Wirkungsweise. Und so gern ich es hätte, dass Print Web schlägt, so fehlt mir doch der Glaube an pauschale Aussagen.

In der Tat ist es wichtig zu differenzieren. Meine Kollegin hatte angesprochen, dass Influencer aufpassen müssen und durch zu viele Kennzeichnungen mit „#Ad“ an Glaubwürdigkeit verlieren – weil auch dem einfachsten Gemüt bei 50 gleichen Hashtags auffällt, dass es wohl Werbung ist. Wenn dann noch der Influencer in dem Beitrag Lobhudeleien verteilt, liegt die Vermutung nahe, dass Einflussnahme vorliegt und wohl nicht alles sauber recherchiert ist.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Journalisten die Ernsthaftigkeit ihres Berufs durch Influencer und Blogger streitig gemacht werden wird. Zu unterschiedlich sind die Disziplinen. Nicht umsonst gibt es Volontariate, in denen man die Grundlagen des Journalismus lernt. Natürlich gehört das Berufsethos dazu, an das man sich dann auch hält – wenn auch vielleicht nicht immer. Aber gerade die Einhaltung bestimmter Regeln in der Recherche und Berichterstattung macht den Unterschied und der wird immer öfter von den Lesern honoriert. Vereinfacht gesagt: Sieht man viele #Ad oder #Werbung, geht der Leser immer öfter von gekaufter Berichterstattung aus. Bei veröffentlichten Artikeln in Tageszeitungen, Lifestyle- oder Nachrichten-Magazinen kann der Konsument fast sicher sein, dass es sich um recherchierte Artikel handelt. Das macht dann den Unterschied und führt zu der Meinung, dass redaktionelle Inhalte in Print- und Online-Publikationen mehr Substanz haben als Inhalte im Web.

Leider kann man das nicht so pauschal sagen, denn es kommt immer auf den Anspruch des Journalisten oder Influencers an. Ganz weit oben auf der Glaubwürdigkeits-Skala dürften aber Journalisten rangieren, die unabhängig agieren und sich der investigativen Recherche verschrieben haben. Seymour Hersh ist da ein Paradebeispiel. Der mittlerweile 81-jährige ist Enthüllungsjournalist par excellence, er hat schon Regierungsskandale zu Zeiten des Vietnamkrieges aufgedeckt und war immer so unbequem wie unbeugsam. Er hat soeben seine Memoiren mit dem Titel „Reporter“ veröffentlich, die ganz oben auf meiner Einkaufsliste stehen.

Auch er äußert sich kritisch zum Thema Fake-News und Populismus. Bezugnehmend auf die Informationspolitik von Herrn Trump sagt er:

„Nicht von Trumps Tweets ablenken lassen“

„Wir konzentrieren uns auf seine Tweets. Aber das ist, als ob man im Katzenklo herumwühlt. Die Neokonservativen haben die Macht übernommen. Sie beenden die Sozialprogramme, sind so wahnsinnig, Ölfelder in Naturschutzgebieten in Alaska zu erlauben. Ein Staatssekretär (…) ist da offensichtlich selber finanziell beteiligt. Das wird gerade untersucht. Das passiert vor unserer Nase. Darauf müssen sich die Medien viel mehr konzentrieren und nicht auf seine Tweets.“

Und das ist eigentlich der Punkt, zu dem man nur sagen kann: Ganz richtig! Konzentrieren wir uns darauf, was in der Welt geschieht und bilden uns unsere eigene Meinung durch gut recherchierte Artikel. Lesen wir nicht nur den einen Tweet, sondern viele Artikel. Bleiben wir offen und gleichen auch mal unterschiedliche Meinungen gegeneinander ab. Vertrauen wir der neutralen Berichterstattung und lassen Einflussnahmen, also Influence, nur bedingt zu. Dann bekommen wir ein neutrales, sauber recherchiertes Bild des Zeitgeschehens. Allein der Gedanke, dass die Glaubwürdigkeit der Medien zunimmt, macht mir ein gutes Gefühl inmitten des ganzen „Lügenpresse, Lügenpresse“-Skandierens.