Als ich im Jahr 2011 bei Profil Marketing meinen Job antrat, waren wir noch guter Dinge und wir fuhren zum Teil noch morgens mit dem Zug zur IFA. Denn der Weg nach Berlin war ja durchaus schnell machbar, um noch pünktlich zum ersten Messetermin zu kommen. In den folgenden Jahren wurden die Zugverspätungen und -ausfälle aber dermaßen gravierend, dass wir gezwungen waren, schon einen Tag vorher anzureisen. Dies inkludierte einen weiteren Tag im Hotel sowie höhere Kosten. Nicht besonders wirtschaftlich für uns bzw. unsere Kunden, aber ist die Bahn wirklich so unpünktlich, wie man es immer sagt?

Die allgemeine Meinung über die Deutsche Bahn ist leider überwiegend negativ und nach wie vor steht die Bahn massiv in der Kritik. Allerdings hat die Bahn noch Anfang Januar mitgeteilt, dass im Jahresdurchschnitt 2018 rund 93,5 Prozent aller Züge pünktlich waren. Darüber schüttelt man zuerst mal verwundert den Kopf – hören sich diese Zahlen doch sehr zufriedenstellend an. Doch blickt man hinter die Kulissen, sind diese Werte leider nicht ganz korrekt, denn die Zahl ergibt sich aus den Werten aus dem Nah- und Fernverkehr insgesamt – die aber stark voneinander abweichen.

Aber wie berechnet die Deutsche Bahn eigentlich die Pünktlichkeit ihrer Züge?

Generell gilt: Pünktlich ist ein Zug, wenn er an einem Bahnhof weniger als sechs Minuten Verspätung hat. Bei 5:59 Minuten Verspätung wäre ein ICE also beispielsweise noch pünktlich unterwegs. Diese Verspätungen sind aber beispielsweise bei S-Bahnen sehr selten, sodass die Pünktlichkeitswerte im Nahverkehr dementsprechend hoch ausfallen, was die erste verfälschte Darstellung der Statistik zeigt.

Ausgefallene Züge nicht miteinberechnet

Abgesehen davon – 6 Minuten Verspätung stellt sich für viele Reisende als großes Problem dar, wenn man Anschlusszüge nicht erreicht – dieses Problem kennen wir Profiler auch nur zu gut. Zudem wurde ausgesagt die Statistik bilde „die mehr als 800.000 Fahrten von DB-Personenzügen eines Monats ab”. Darunter fallen dann allerdings die 20.000 monatlichen Fahrten im Fernverkehr sowie der mehr als 780.000 monatlichen Fahrten im Nahverkehr, inklusive aller S-Bahnen. Ein weiterer Hohn: Ausgefallene Züge werden nicht berücksichtigt – ganz toll!

Kein sinnvolles mathematisches Modell vorhanden?

Laut der Bahn sei es schwierig ein “sinnvolles mathematisches Modell” für ausgefallene Züge zu erstellen. Sprich die rund 140.000 Ausfälle von Zügen im Jahr 2018 sind komplett nicht erfasst. Diese und andere Mankos werden zurzeit heiß diskutiert. So forderte bereits der Fahrgastverbad PRO BAHN e.V. Zug- und Haltausfälle in der Statistik zu berücksichtigen und die Reisekette der Fahrgäste mit den Anschlüssen zu betrachten. Hoffen wir, dass dies in Zukunft getan wird.

Alternativen rar

Machen wir uns nichts vor – die schönen Werte sind zu schön um wahr zu sein. Ich werde weiterhin – sofern ich auf die Deutsche Bahn angewiesen bin – einen Zug weitaus früher bzw. einen Tag zuvor nehmen, da ich ungern unpünktlich bei meinen Kunden erscheinen möchte. Die ständigen Erhöhungen der Tickets sowie der BahnCards tun allerdings ein übriges, um die Laune schlechter werden zu lassen. Doch leider gibt es (noch) keine Alternative.

 

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