100 Tage DSGVO – Eine Praxisbetrachtung

/, Public Relations, Wissenswertes/100 Tage DSGVO – Eine Praxisbetrachtung

100 Tage DSGVO – Eine Praxisbetrachtung

Nun sind bereits mehr als 100 Tage vergangen, seit die Karenzzeit für die DSGVO abgelaufen ist und sie in vollem Umfang in Kraft trat. Alle hatten Angst vor Abmahnungen, vor drastischen Geldstrafen, schließlich wurde ja sogar mit Gefängnis gedroht. Was ist passiert? All die Horrorszenarien sind ausgeblieben. Geblieben aber ist eine große Unsicherheit, die mitunter Blüten trägt. So hörte ich auch bei uns oft die Frage, darf ich jene oder jenen eigentlich noch anrufen, da es noch keine Verifizierung gibt? Wir reden hier auch von Journalisten, zu denen wir fast wöchentlich persönlich Kontakt haben. Oder „Ich darf Fotos der Journalisten, die wir auf Messen treffen, in internen Briefings nicht verwenden, weil da Strafe droht.“ Da erkennt man, dass auch bei mündigen und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen die Unsicherheit groß ist. Dabei ist es doch eigentlich so einfach:

Das Geheimnis liegt in dem, was unser Kerngeschäft ist – in der Kommunikation. Durch schlichtes Fragen, Beobachten und Zuhören erklärt sich einiges ganz von allein. Denn schließlich brauchen alle Journalisten und Blogger Informationen und die wenigsten fühlen sich von uns belästigt.

Ich habe in der Zeit der Datenbank-Verifizierung mit vielen Journalisten gesprochen und einhellig die Antwort erhalten: „Wie sollen wir denn unseren Job erledigen, wenn wir keine Informationen mehr bekommen. Wie sollten wir unsere Arbeit bewältigen, wenn wir für jede Agentur und jedes Unternehmen ein Formular ausfüllen müssen, damit wir weiter mit News versorgt werden?“ Wir sprechen wohlgemerkt von Pressemitteilungen, die an ausgewählte Journalisten gehen, nicht von sogenannten Rundmails, die eher Werbezwecken dienen.

Journalisten brauchen weiterhin Informationen

Was können wir daraus schließen? Wenn uns 100% der Befragten genehmigen, sie weiterhin mit Informationen zu versorgen, dann gibt es meiner Ansicht nach keinen Grund, Angst zu haben. Denn jeder von uns weiß, wie schwer es in Zeiten massiven Personalabbaus in den Verlagen geworden ist, absolut überlastete Journalisten zu erreichen, sie zu Messebesuchen zu bewegen, oder einfach mal ein allgemeines Gespräch über Trends zu führen. Wenn wir dann noch die knappe Zeit der Journalisten damit vergeuden müssen, uns schriftlich das Einverständnis zum Zusenden von Informationen zu geben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Redaktionen auf unsere Anfragen nicht reagieren. Das bedeutet aber dann laut DSGVO, dass wir diese Journalisten nicht mehr in unserer Datenbank speichern dürfen – ein Teufelskreis.

An dem Punkt ist meiner Meinung nach die DSGVO, wie so viele europäische Verordnungen, nur halb gar. Die Gesetzgebung hat offenbar nicht zwischen Werbung und PR unterschieden, denn dann wäre die Regelung nicht so unübersichtlich und undifferenziert ausgefallen.

Im Kern ist die DSGVO richtig

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich begrüße das Eindämmen von Datensammelwut, ich hasse schlitzohrige Werbung, die darauf abzielt, arglosen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich kann es nicht leiden, wenn Vertragspartner von mir meine Adresse mit allen Details weiterverkaufen und sie wieder und wieder einsetzen. Nur, was hat das alles mit gut gepflegten Medienverteilern zu tun, die Journalisten die Informationen bringen, die sie benötigen, um ihren Job zu tun? Nichts…

Es ist auch obsolet, über das „was wäre, wenn“ nachzudenken. Es ist nun mal so, wie es ist. Da müssen wir durch. Die neue Verordnung und die damit verbundenen Aktionen kosten Zeit, Nerven und nicht zuletzt Geld. Der Erfolg in unserem Bereich ist aber zweifelhaft.

Beratern Sicherheit geben

Deshalb müssen wir als Teamleiter, Key-Accounter oder Inhaber von Kommunikationsagenturen Weitblick beweisen und nach mehr als 100 Tagen DSGVO ein Gefühl der Sicherheit in unseren Teams verbreiten. Wir müssen unsere Berater bestärken, wieder Selbstsicherheit an den Tag zu legen, damit sie erfolgreich arbeiten können. Wir müssen ihnen ganz deutlich machen, dass wir hinter ihnen stehen und sie gegebenenfalls schützen. Ja, vielleicht kommt eines Tages ein Journalist auf die Idee und sagt, lasst mich bitte in Ruhe. Dann werden wir es genauso respektieren wie früher, als es die DSGVO noch nicht gab und sie oder ihn aus dem Verteiler streichen. Aber doch bitte ohne Angst vor dem Einen, der uns dann „bestimmt“ verklagt.

Ich bin froh, dass von der Regierung Augenmaß bei Anwälten und von den Gerichten angemahnt wurde. Das hat offensichtlich Wirkung gezeigt. Die große Abmahnwelle blieb aus. Bisher. Aber hätte man nicht früher darauf kommen können und die Verordnung differenzieren müssen? Wir hätten viel Aufwand, Zeit und Geld gespart. OK. Die Datenbankbereinigung war mal fällig. Das hätte aber auch ohne Panik in den Agenturen geschehen können.

Fazit: Es ist eingetreten, was die Gesetzgeber wollten. Ein vorsichtigerer Umgang mit den uns anvertrauten Daten. Richtig so. Aber viele von uns hatten und haben noch Angst. Das ist nicht unbedingt positiv. Behindert es doch oft den unbelasteten Umgang mit Journalisten. Aber das ist ja genau das, was keiner wollte. Nicht die Politik, nicht die Journalisten und schon gar nicht wir, die Agenturen. Ich bin gespannt, wann es zu Änderungen und Ergänzungen im Gesetzestext kommt… Aber ich glaube leider immer noch zu sehr an „Sankt Nimmerlein“.

 

Von |2018-09-12T10:28:28+00:0012. September, 2018|Allgemein, Public Relations, Wissenswertes|0 Kommentare

Über den Autor:

Geschäftsführender Gesellschafter seit 1989. Verantwortlich für die Bereiche Consulting • Strategy • Communication • Media Consulting

Hinterlassen Sie einen Kommentar